Kinder und Jugendliche, die Probleme machen, haben welche.....


… und daher hilft es ihnen eher, wenn man sie beachtet und versucht zu verstehen, was ihre Probleme sind, statt sie als „Problemfall“ abzustempeln, sie auszugrenzen, abzumahnen oder hinter dicke Mauern zu sperren. „Es muss erst brennen, bevor die Feuerwehr kommt“, sagte ein junger Mann mit einem tiefen Seufzer in meinem Empowerment-Kurs, beim Thema der inneren Glaubenssätze und zeigte damit, wie viele von den Problemen, die er „gemacht“ hat, dazu dienten, endlich gesehen zu werden, Aufmerksamkeit und bestenfalls Hilfe zu bekommen.

 

Ich bin Trainerin für transkulturelles Lernen und Konfliktberaterin. Vor zwei Jahren erfuhr ich, dass eine Jugendstrafanstalt noch Trainer*innen sucht und ich war sofort begeistert. Ich wollte dort unbedingt arbeiten und fing gleich an, Seminareinheiten mit Biographiearbeit und Methoden der Theaterpädagogik zu gestalten.  Nun gebe ich dort seither sechswöchige Empowerment-Kurse und lerne viel über eine Lebensrealität, die mir selbst sehr fremd ist. In meinen Kursen gibt es u.a. die Regel, dass alles was im Raum gesagt wird, auch dort bleibt. Daher wird das obige Zitat das einzige dieser Art bleiben. Aber aus den vielen Einzelbiographien lassen sich gut gesellschaftliche Muster herausfiltern. Die meisten meiner Teilnehmer (alle männlich) haben einen Migrationshintergrund und sind wirtschaftlich eher in einer schlechter gestellten Ebene verortet. Sie haben viele Ausgrenzungs- und Abwertungserfahrungen hinter sich. Sowohl innerhalb des Familiensystems als auch im Schulsystem und im Alltagsleben. Sie gehören nicht zu dem Großteil der Bevölkerung, der nicht weiß, wie er sich zwischen all den Angeboten und Möglichkeiten entscheiden soll. Türen sind ihnen meist verschlossen. Nicht erst, seit sie „hinter Gittern“ sitzen. Sie testen ihre Grenzen mal mit Witz, mal mit Gewalt. Wollen sehen, wie lange es dauert und was man tun muss, bis man gesehen wird oder bis sich verschlossene Türen öffnen. Zuhause herrscht Gewalt und ein sehr toxisches Bild von Männlichkeit. Viele wurden auch von Heim zu Heim geschickt oder flogen früh zuhause raus und waren auf sich selbst gestellt. Nur selten sind alle Grundbedürfnisse (Liebe, Anerkennung, Orientierung, Autonomie, Sicherheit, Transzendenz) bei ihnen vorhanden. Bisher haben sie in ihrem Leben nur erfahren, dass sie „schlecht“, „falsch“, „wertlos“ und „unwichtig“ sind. In meinem Kurs arbeite ich zu den Themen Wahrnehmung, Bedürfnisse, Gefühle, Grenzen, Macht und Visionen. Wahrnehmung ist die Grundlage von all diesen Themen. Und Wahrnehmung lernt man als Kind dadurch, dass man von außen wahrgenommen wird. Was diese chaotischen Gefühle in einem bedeuten und wofür sie gut sind, lernt man, wenn die Erwachsenen einem sagen, dass sie sehen, dass man traurig oder wütend (...) ist. Dass sie erklären, dass das okay ist und einen trösten oder einem Schutz bieten. Nur durch das Außen können wir unser Innen kennenlernen. Das alles haben die wenigsten Teilnehmer meiner Kurse gelernt. Es fehlen ihnen die Worte für ihre Gefühle. Sie können sie selten verstehen oder erklären. Wenn ich nach Gefühlen frage, kommt als erstes immer „Hass“. Hass ist keines unserer Grundgefühle. Er ist ein destruktiver Ausdruck von Wut oder Trauer. Von Verletzung, die nicht ausgesprochen werden konnte. Oder entsteht im Zusammenhang mit gewaltvollen Ein- oder Übergriffen. Es braucht immer eine Weile, bis wir alle Worte für die Gefühle gefunden haben. Angst „erraten“ sie nie. Das muss immer ich noch hinzufügen. Angst ist nicht erlaubt. Dabei ist Angst die Wächterin der Bedürfnisse und überlebenswichtig. Gefühle sind da und müssen raus. Und wenn man sie nicht in Worten mitteilen kann, dann schreitet der Körper recht ungezügelt zu Taten.

Das alles geschieht bei den Insassen ohne eine gute Selbstwahrnehmung und somit ohne ein Frühwarnsystem. Daher höre ich in jedem Durchgang mindestens einmal den Satz: „Ich traue ja nicht mal mir selbst.“ Klar, wenn man sich auf einmal, ohne Vorwarnung in unbändiger Wut befindet und die Faust fliegt, ohne dass man sie kontrollieren kann, dann ist das beängstigend. Darauf folgt die Scham. Und um diese nicht zu fühlen, wird zur Schuld gegriffen. Entweder ist der andere Schuld, oder die Selbstkasteiung nimmt ihren Lauf. So oder so, sind sie dann von ihren Gefühlen abgeschnitten. Und ohne die, weiß man nicht, was man braucht, was gut für einen ist oder was eine gute Handlungswahl wäre. Ohne sie spürt man nicht, wo die eigenen Grenzen verlaufen, oder die der anderen. Dadurch, dass diese jungen Menschen bisher hauptsächlich erfahren haben schlecht und unerwünscht zu sein, fällt es ihnen enorm schwer, sich selbst anzusehen, neugierig zu sein, was in ihnen steckt. Zu groß ist die Angst vor Abwertung oder vor dem, was in ihren „dunklen Ecken“ lauert. So wurde nicht nur einmal ein Haus gemalt, bei der Frage nach dem „Wer bin ich?“. Meistens ist es ein Eigenheim in ferner Zukunft, wenn sie ihr Leben im Griff haben werden und alles gut sein wird. Aber das Hier und Jetzt und das Ich kann nicht gezeigt oder angesehen werden. Es braucht Geduld und Vertrauen, bis die ersten zaghaften Schritte dorthin gegangen werden können. Bis die Triggerpunkte im Verborgenen beleuchtet oder Schätze geborgen werden können. Sich selbst kennenzulernen ist selbstverständlich eine lebenslange Aufgabe für jede*n von uns. Und im jugendlichen Alter besonders schwer. Dennoch ist es wichtig auf die inneren dunklen Ecken zu schauen. Und die beruhigenden, stärkenden Ecken in sich zu finden. Denn nur, wenn ich meine dunklen Ecken kenne, kann ich meine Reaktionen besser verstehen und auch lernen, sie früh genug wahrzunehmen, um schon vor einem „Point-of-no-return“ alternative Abzweigungen zu finden. Das Thema Macht beschränkt sich im Leben meiner Teilnehmer meist auf Ohnmacht oder ihre Schwester, die Allmacht. Häufig schon erlebten sie das Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefert sein. Einem schlagenden Vater gegenüber oder einer anklagenden, Schuld zuweisenden Mutter. Oder einem System gegenüber, das sie von Heim zu Heim schickt. Wenn das Gefühl der Ohnmacht nicht mehr auszuhalten ist, schwenken sie über zur Allmacht. Kleineren Geschwistern gegenüber oder Lehrkräften. Oder, oder, oder. Jedenfalls ist Macht in ihrem Verständnis ein „Macht über ...“ und nicht an Vertrauen und Verantwortung gebunden. Macht braucht für sie keine Verantwortung. Entweder man hat sie und kann sich alles erlauben (Allmacht), oder man hat sie nicht und muss alles erleiden (Ohnmacht). Schwarz oder weiß. Es gibt keine Aushandlung darüber. „So ist die Welt eben“. Und vor allem hat das eigene Handeln gar keinen Einfluss darauf, was im Nachhinein passiert. Es gibt für sie keine Macht, mit der man etwas bewirken oder gar verändern kann. Wie soll aus jemandem, der nicht weiß, was gut für ihn ist, der weder eigene noch fremde Grenzen wahrnehmen kann und der nicht glaubt, irgendeine Einflussmöglichkeit auf die Zukunft zu haben, ein mündiges und bereicherndes Mitglied einer demokratischen Gesellschaft werden? Auf keinen Fall, in dem man ihn hinter dicke Mauern sperrt, hinein in ein System, das mit Abwertung, „Macht über“ und Schuld arbeitet. In meiner bisherigen Erfahrung werden diese Jugendlichen dann zugänglich und öffnen sich für die Themen und Ideen, die ich mitbringe, sobald sie merken, dass ich sie wirklich sehe. Dass ich ihnen wirklich zuhöre und mir Gedanken über sie mache. Wenn ich Verständnis für ihre Gefühle zeige und sie ermutige, diese zuzulassen. Dann beginnen sie, sich selbst zu reflektieren. Sie stellen viele Fragen und freuen sich, wenn sie sich selbst besser verstehen. Sie lernen, dass sie nicht, um dazu zu gehören um jeden Preis alles mitmachen müssen, was ein Mit-Insasse von ihnen verlangt. Dass sie vielleicht nicht mal dazu gehören wollen. Doch dann treten sie wieder hinaus aus dem Seminarraum und hinein in ein starres System, in dem es ihnen viel Leid einbringen kann, wenn sie ihre Gefühle zulassen oder sich wirklich und offen zeigen. Ich kann ihnen im Grunde nur Dinge für „danach“ mitgeben. Und Tricks wie sie das alles vielleicht auch ein bisschen und heimlich schon jetzt, in den Mauern der JSA anwenden können, ohne sich zu sehr in Gefahr zu bringen. Und damit will ich keinesfalls sagen, dass nicht auch sehr gute Arbeit geleistet wird im Strafvollzug. Es gibt großartige Angebote, von einer Ausbildung, einem Schulabschluss über Schreibwerkstätten bis hin zu Theater. Es wird viel dafür getan, dass diese Jugendlichen lernen sich auszudrücken, sich zu reflektieren. Aber es ist eben auch normal, dass es bei einem Konflikt mehrere Tage „Einschluss“ gibt. Dass man bei großer Wut in den Keller gesperrt wird. Dass es keinen Sinn hat, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und sie verhandeln zu wollen. Denn man hat nichts zu wollen. Man ist nicht ohne Grund hinter Gittern und der Verlust der Autonomie ist Teil der Strafe. Man hat sich falsch verhalten. Dafür gibt es keine Anerkennung oder Liebe. Gibt es heute Freistunde oder nicht? Das wirst du merken, wenn es soweit ist. Frag nicht. So viel zur Orientierung. Sicherheit gibt es quasi überall. Alles dient angeblich der Sicherheit. Einschluss, Keller, Stahltüren, Mauern.

 

Aber eigentlich geht es doch um Strafe. Zumindest fühlt es sich für die Insassen so an. Und der Name „Strafvollzug“ legt auch nahe, dass es so ist. Gefühle kann es in diesem System nicht geben. Als Insasse hat man sowohl vor anderen Insassen als auch vor den Mitarbeiter*innen keinen guten Stand, wenn man z.B. Trauer oder Angst zeigt. Als Mitarbeiter*in kann man den Job nicht machen, wenn man zu sehr mitfühlt. Wie sollte das gehen? Jemanden, der  gerade wütend ist und Schutz braucht, in den Keller zu tragen und einzusperren und dabei noch beschimpft zu werden. Und dabei wirklich zu fühlen, wie es einem selbst damit geht. Und wo bleibt da bei beiden Seiten die Würde? Ist sie wirklich unangetastet? Ich glaube nicht, dass es ein Zufall ist, dass der Krankenstand unter den Beamten hoch ist. Denn wenn man Gefühle zu lange nicht fühlen darf, machen sie uns am Ende krank. Meine ersten Ideen zu meiner oben genannten Frage wären: Turnhalle statt Keller, Einzelberatungen statt Einschluss und die Teilnahme an integrativen Projekten innerhalb der Gesellschaft, in denen die Jugendlichen sich als wirksam und wertvoll erleben. Dass sie spüren können, dass sie es wert sind, ein Leben zu führen, das ihnen gut tut. Und vor allem, dass sie sich als anerkannten Teil dieser Gesellschaft erleben können. Ich arbeite nach wie vor unglaublich gerne in der JSA. Ich sehe, dass es dort viele tolle Menschen gibt, die dazu beitragen, dass diese Jugendlichen doch noch auf einen guten Weg kommen. Aber ich sehe auch Leid auf beiden Seiten der Türen, ausgelöst durch ein starres System, das hoffentlich irgendwann beweglicher oder ganz verändert wird.

 

Weiterführende Literaturhinweise:

Greene, Ross W.: „Lost at School“, 2014, New York 

Hüther, Gerald: „Was wir sind und was wir sein könnten“, 2011, Frankfurt am Main

 

Autorin des Gastbeitrages: 

 

  Maria Krisinger

 

 

 

   Konfliktberaterin, Coach

 

   und Trainerin

 

   für transkulturelles Lernen

 

   und Konflikttransformation

   (A.T.C.C.) 

 

 

 

   http://www.maria-krisinger.de