Wie kann Köln sicherer werden?

Die Kölnische Rundschau ist mit ihren Wahlprüfsteinen  beim Thema Sicherheit angelangt. Deshalb wurden die Ratsfraktionen gefragt, ob sie für den Ausbau der Videoüberwachung sind und wie sie „die Situation in Angsträumen wie beispielsweise am Ebertplatz konkret verbessern“ wollen.

 

In der Wochenendausgabe vom 29.August 2020 sind die Antworten abgedruckt. https://www.rundschau-online.de/news/politik/kommunalwahl/kommunalwahl-2020-was-koelns-parteien-ueber-die-sicherheit-in-der-stadt-sagen-37262368

 

Fast scheint es so, als könne allein die AfD die Dummheit in den Fragen der Kölnischen Rundschau thematisieren. Sie erklären: „Wir müssen auch darüber reden, warum diese Überwachung überhaupt notwendig ist.“  Aber sie zeigen nur einmal mehr, dass sie mit ihren Scheuklappen „law-and-order“ und „Ausländerkriminalität“ gar keine Auseinandersetzung mit den Ursachen wollen.  Nicht eine gründliche Diagnose soll zu einer hilfreichen Therapie führen – sie richten ihre Diagnose umstandslos danach aus, wie man mit den Leuten verfahren soll, die sie für die Ursache von Kriminalität halten. Ein allgemeines Problem der rechten „Law-and-Order“-Männer:  wer nicht-kommunikative Reaktionen präferiert, tendiert zur Diagnose der Kommunikationsunfähigkeit derjenigen, auf die er reagiert. So werden aus Kontrahenten gewissermaßen Unpersonen, die jeder rationalen Kommunikation gegenüber unzugänglich sind und im Grunde nur noch eine Art Gefahrenquelle darstellen. Es geht dann nicht mehr um die Beeinflussung der Motivation des Gegenübers als Person, sondern um die Unschädlichmachung der Gefahrenquelle, ähnlich wie bei einem wilden Tier, das aus dem Zoo ausgebrochen ist. (frei nach Sebastian Scheerer)

 

Soziale Antworten auf soziale Konflikte zu suchen, wird allein von der Linken versucht: „An Schwerpunkte muss mit sozialer Arbeit Täter*innen Perspektiven jenseits der Kriminalität aufgezeigt werden.“ Ein alter Hut.

 

Als der Strafrechtswissenschaftler Franz von Liszt (2.3.1851 † 21.6. 1919) die Straftat durch Erforschung der Ursachen des Verhaltens des Straftäters erklärte, kam er zu dem bis heute vielzitierten Schluss: „Eine gute Sozialpolitik ist die beste Kriminalpolitik“. https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_von_Liszt

 

Er sah aber vor lauter Armen im Gefängnis nicht, dass es sich um arme Männer handelte, die im Gefängnis nahezu unter sich waren – wie es reiche Männer waren, die in den Führungsetagen von Politik, Banken und Industrie unter sich waren. Die Geschlechtsblindheit in der Kriminologie begann sich erst vor einigen Jahren aufzulösen. Ich empfehle sich mit den Begriffen „hegemoniale Männlichkeit“ und „marginalisierte Männlichkeit“ durch diesen Wikipedia-Beitrag vertraut zu machen:
 https://de.wikipedia.org/wiki/Hegemoniale_M%C3%A4nnlichkeit#Marginalisierung

 

Wenigstens seit   #MeToo https://de.wikipedia.org/wiki/MeToo sollte allgemein bekannt sein, dass die allermeisten Gewaltopfer Frauen und Kinder sind und die „Angsträume“ , die zuallererst aufgelöst gehören, nicht auf Straßen und Plätzen, sondern in den eigenen vier Wände sind.

 

Keine Ratsfraktion weist die Frage mit dem Angstraum „Ebertplatz“ als dumm und ignorant zurück.

 

Franz von Liszt kannte nicht den Umfang des Konsums illegaler Drogen in unserer Zeit. Von den wenigen inhaftierten Frauen haben 70% und von den Männern 50% Drogenprobleme.  In den letzten 20 Jahren sind in Köln 1000 Drogentote zu beklagen, 1000 Menschen, die Opfer der repressiven Drogenpolitik sind. Eine an Leidverminderung orientierte Drogenpolitik, könnte nicht nur die Gefängnisse entlasten – auch die Zahl der Eigentumsdelikte in den Großstädten würde drastisch sinken. Die Polizei könnte aufhören mehr Personal zu fordern.

 

Wie die Überrepräsentation von Ausländern in der Kriminalstatistik und den Gefängnissen abgebaut werden kann, stand schon vor bald 20 Jahren im „Ersten Periodischen Sicherheitsbericht der Bundesregierung“: durch sicheren Aufenthaltsstatus und die Verbesserung ihrer Integration.

 

Gefragt nach einer vernünftigen Kriminalpolitik, würde ein moderner Franz von Liszt daher heute etwa so formulieren: „Eine antipatriarchale Politik verbunden mit einer guten Sozialpolitik sowie einer an Leidverminderung orientierten Drogenpolitik ist die beste Kriminalpolitik.“

 

Warum fürchten Grüne, Linke und SPD in der Auseinandersetzung um Kriminalität die Forderung nach einer entsprechenden offensiven Gesellschaftsveränderung?

 

30. August 2020
Klaus Jünschke

 

PS
Allen die es genauer wissen wollen, empfehle ich Fritz Sack zu lesen, den Soziologen, der den labeling approach / Etikettierungsansatz aus den USA in die Bundesrepublik gebracht hat, so dass auch bei uns eine kritische Kriminologie entstehen konnte
http://www.humanistische-union.de/themen/innere_sicherheit/sicherheit_vor_freiheit/sack/