Ganzheitliches Reintegrationsmodell nach der APAC - Methode

Der SET-FREE e.V. (gemeinnütziger Verein der freien Straffälligenhilfe) setzt sich im Auftrag der APAC-Dachorganisation für die Umsetzung der seit Jahrzehnten in Brasilien sehr erfolgreichen APAC-Reintegrationsmethode ein und macht diese alternative Strafvollzugsform in Deutschland bekannt.

 

APAC – Associação de Assistência e Proteção aos Condenados (Vereinigung zum Schutz und zur Unterstützung für Strafgefangene) ist eine brasilianische Gefangenenhilfsorganisation.

 

Nachfolgend ein entsprechendes Kurzkonzept, angepasst auf die Gegebenheiten in Deutschland, das als Anstoß für entsprechende Fachdiskussionen dienen möge – Rückmeldungen an SET-FREE erwünscht:
 
 
Ganzheitliches Reintegrationsmodell nach der APAC-Methode  als Beispiel für einen Vollzug unter Einbeziehung von Restorative Justice


Wichtige Voraussetzungen für eine gelingende Reintegration nach der Haft

 

Ganzheitlicher Reintegrationsansatz: Soziale Reintegration muss möglichst frühzeitig in Haft beginnen und längerfristig nach der Entlassung weitergeführt werden. Es braucht zudem eine ressort- und trägerübergreifend vernetzte Resozialisierungsarbeit, vor allem aber ein zentrales Fallmanagement für den Einzelnen.


Durchgängige Betreuung für den Aufbau tragfähiger Bindungen: Beziehungsabbrüche stellen ein großes Problem bei der Resozialisierung dar. Für den Aufbau tragfähiger Bindungen, die als wesentlicher Faktor für eine gelingende Reintegration betrachtet werden können, bedarf es eines durchgängigen Betreuungsansatzes.

 

Konzeptionelle Antwort auf den Einfluss der Subkultur: Eine positive Veränderung im Leben von Gefangenen kann kaum erreicht werden, solange die Werte der Mitarbeiter und der Subkultur auseinanderklaffen. Der Erfolg aller Maßnahmen bleibt sehr gering, wenn die Subkultur in der Institution gegen die vorgegebenen Ziele arbeitet. Auch eine Vielzahl professioneller Angebote ändert daran nichts. Werte und Normen der Gefangenenkultur müssen in einem Projekt mit denen der Einrichtung in Einklang gebracht werden, damit Behandlungsangebote wirksam werden.

 

Partizipation der Gesellschaft: Kriminalität ist ein gesellschaftliches Problem. Der Erfolg von Resozialisierungsprogrammen hängt nicht nur vom Straftäter, sondern auch von der Gesellschaft und deren Umgang mit (entlassenen) Straftätern ab. Es ist wichtig, die Gesellschaft in den Prozess der Reintegration mit einzubinden. Dazu sind Brücken zwischen Strafvollzug und Gesellschaft notwendig, wie z.B. ein ausgeprägtes ehrenamtliches Engagement und Öffentlichkeitsarbeit.
 
Ganzheitliches Reintegrationsmodell nach der APAC-Methode
Das APAC2-Modell erfüllt die oben genannten Voraussetzungen sehr deutlich und hat sich in Brasilien über Jahrzehnte bewährt. Als Modell für den Strafvollzug wäre deshalb, angepasst auf deutsche Verhältnisse, die Einführung eines  4-Säulen-Modells (siehe Anlage) denkbar.
 
Wichtige Prinzipien der APAC-Methode:
➢ Durchgängige Betreuung ➢ Partizipation ➢ Ressourcenorientierung
 
➢ Wiedergutmachung ➢ Herstellen des sozialen Friedens
APAC betreibt soziale Reintegrationszentren und ist ein „Modell für einen Vollzug unter Einbeziehung wesentlicher Elemente von Restorative Justice. „Restorative Justice stellt die Bedürfnisse aller, die Heilung der Wunden von Opfern, die Verantwortungsübernahme von Tätern und den sozialen Frieden in der Gemeinschaft in den Mittelpunkt.“ Entsprechend ist das Programm von APAC ganzheitlich darauf ausgerichtet, dass der Straftäter Empathie und solidarisches Verhalten einübt und (stellvertretende) Wiedergutmachung leistet, um die Verantwortung für die Straftat mit ihren Folgen zu übernehmen.
Das Charakteristikum der APAC-Methode ist ihr partizipativer Ansatz: die Partizipation der Gesellschaft, Partizipation der Familien und ein partizipativ ausgerichteter Behandlungsansatz. Diese starke Beteiligung stellt einen Paradigmenwechsel dar, von der Absonderung zur Inklusion, von einer Entmündigung hin zu einer Übernahme von Verantwortung, sowohl der Gesellschaft als auch der Rehabilitanden, und macht sich in den Rückfallzahlen und in der Akzeptanz durch die Gesellschaft und der Identifikation der Rehabilitanden bemerkbar. Das Justizministerium in Minas Gerais (MG) gibt eine Rückfallquote von 28% an, ein erheblich geringerer Prozentsatz als in Deutschland (50% - 60%).

 

Eine Untersuchung zur Identifikation mit dem „APAC-Vollzug“ macht deutlich, dass 85% der Rehabilitanden sich positiv mit dem APAC-Reintegrationszentrum identifizieren. Hohmeier erläutert, dass sich infolge der Haftdeprivation „feindliche Einstellungen gegenüber Anstalt und Personal [einstellen]. Diese verhindern dann, dass das Sozialisationsziel akzeptiert wird und eine Identifikation mit der Anstalt insgesamt oder mit einzelnen Bezugspersonen stattfindet“. Identifikation kann deshalb als wichtige Basis dafür betrachtet werden, dass Menschen eine Veränderungsbereitschaft ihres Lebens zeigen und damit als Voraussetzung dafür, dass Resozialisierung überhaupt gelingen kann.


Zudem ist es APAC gelungen, die Bevölkerung sowohl für die Anliegen eines humanen Strafvollzugs aufzuschließen als auch viele ehrenamtliche Mitarbeiter in den Vollzugsalltag und in die Behandlung mit einzubeziehen. „Der Gefangene ist ein Problem der Gesellschaft, nicht des Staates, und nur die Gesellschaft kann ihm einen neuen Weg weisen“, so die Worte von Dr. Paulo Carvalho (zuständiger Richter in Itaúna) anlässlich einer Studienreise zu APAC-Reintegrationszentren. Er berichtet von einer Untersuchung zur Einstellung der Bevölkerung APAC gegenüber, die als Ergebnis zeigte, dass 55% der Bevölkerung APAC sehr positiv und 30% teilweise positiv gegenüberstehen. Daraus wird der Beitrag von APAC für den Sozialen Frieden deutlich.


APAC erfährt deswegen zunehmend internationales Interesse. Im Jahr 2001 wurde APAC offiziell vom Justizministerium des Bundesstaates MG als alternative Strafvollzugsform anerkannt und als solche im Gesetz verankert. Aktuell gibt es in Brasilien über 50 APAC-Reintegrationszentren und weitere sind im Aufbau.
 
Konzeptionelle Elemente des Reintegrationsmodells nach der APAC-Methode zur Umsetzung in Deutschland
 
1. Ganzheitlicher Reintegrationsansatz durch ein 4-Säulen-Modell  

➢ Säule 1: Gruppen- und Projektarbeit in der JVA ➢ Säule 2: Station / Wohngruppe in der JVA ➢ Säule 3: Strafvollzug in freien Formen / Langzeitausgang / Übergangseinrichtung ➢ Säule 4: Nachsorgeangebote
 
2. Partizipation der Gesellschaft Gründung einer APAC-Vereinigung ➢ Die Gesellschaft wird aktiv in den Prozess der Resozialisierung einbezogen ➢ Brücken bauen durch Vernetzung
 
Qualifizierung von Ehrenamtlichen
  
➢ Ehrenamtliche Mitarbeiter sind fester Bestandteil durchgeführter Maßnahmen ➢ Ehrenamtliche werden für ihre Aufgaben qualifiziert
 
3. Ausbildung und Arbeit ➢ Entwicklung und Schulung von Kompetenzen ➢ Selbstwirksamkeit ➢ Alltagsstruktur ➢ Begleiteter Übergang in eine Erwerbstätigkeit
  
4. Familienorientierung ➢ Einbindung der Familien durch Methodenschulung ➢ Vielfältige Kontakt- und Besuchsmöglichkeiten ➢ Vorbereitung und Stabilisierung des sozialen Empfangsraums
 
5. Partizipativer Behandlungsansatz als konzeptionelle Antwort auf den Einfluss der Subkultur Positive Gruppenkultur ➢ Übernahme von Verantwortung für sich selbst, den anderen und für die Gemeinschaft ➢ Soziales Lernen und Soziales Kompetenztraining durch Verantwortung (learning by doing) ➢ Training von solidarischem und fairem Verhalten („Gefangene helfen Gefangenen“)
 
Fachlich begleitete Selbsthilfearbeit ➢ Soziales Lernen durch Identifikation (Identifikationslernen, Imitationslernen) ➢ Motivationsarbeit durch Betroffene - „Kompetenz der Betroffenen“ (Lernen am Modell) ➢ Gewalt- und Suchtprävention durch spezielle Kurse und Selbsthilfearbeit
 
6. Persönliches Engagement geht in die Vollzugsplanung ein ➢ Transparenz hinsichtlich Vollzugsfortschritt ➢ Positiver Wettbewerb (Ranking, Vorbildgedanke) ➢ Persönliches Engagement wird anerkannt und trägt zu Lockerungen bei ➢ Erfolgserlebnisse schaffen ➢ Förderung der Identifikation mit den Prinzipien
 
7. Restorative Justice und Opferperspektive ➢ Empathietraining ➢ Täter und Opfer im Gespräch ➢ (Stellvertretende) Wiedergutmachung
 
8. Wertevermittlung / Sinnstiftung / Spiritualität ➢ Entwicklung von Perspektiven und Zielen ➢ Übernahme von Verantwortung „Betroffenenkompetenz“ ➢ Vermittlung ethischer Werte und sinnstiftender Angebote ➢ Spirituelle Angebote auf freiwilliger Basis
 
9. Integrationsmanagement
➢ Reintegrationsplan - Langfristige Vorbereitung der Entlassung, beginnend in der JVA
 
➢ Patenschaftsmodell

 
- Begleitung in der Entlassungssituation und langfristige Nachsorge - Durchgängige Betreuung durch ehrenamtliche Paten
 
➢ Selbsthilfegemeinschaft als Großfamilienmodell - Selbsthilfegemeinschaft als Großfamilie, die ohne zeitliche Begrenzung in Anspruch genommen werden kann - Krisenmanagement durch Ehemalige (Sponsoren), die langjährig straffrei leben und sich in der Selbsthilfearbeit engagieren

 


Literatur:
Goffmann, E. (1961): Asylums. Garden City, N.Y. Hagemann, O (2012): Restorative Justice aus der Perspektive der Sozialen Arbeit unter Einbezug der europäischen Ebene. Konfliktmanagementkongress, URL: https://km-kongress.de/html/download.cms?id=180  Harbordt S. (1972): Die Subkultur des Gefängnisses. Eine soziologische Studie zur Resozialisierung. Stuttgart. Hohmeier, J. (1973): Aufsicht und Resozialisierung. Empirische Untersuchung der Einstellungen von Aufsichtsbeamten und Insassen im Strafvollzug. Stuttgart. Lang, A. (2013): Wenig genutzte Ressourcen im Strafvollzug. Die Beteiligung der Gesellschaft und die Übertragung von Verantwortung an Inhaftierte als Ressourcen für die soziale Reintegration von Straftätern. Nicht veröffentlichte Masterarbeit in Kriminologie. Ottoboni, SET-FREE-Netzwerk für Gefangene (2008: Straftäter verändern. Eine Einführung in das APAC-Programm. Norderstedt. Polsky, H.W. (1987): Cottage six. Malabar, Fl, (3rd edition). Rieger, W. (1977): Die Subkultur im Strafvollzug. In der Haftanstalt stehen sich zwei konträr ausgerichtete Personenkreise gegenüber. In ZfStrVo. 26, 218-221.